Das Seminar untersucht Skulptur und Plastik als offene, prozessuale und raumbezogene künstlerische Praktiken innerhalb der zeitgenössischen Kunst. Ausgehend von der grundlegenden Erweiterung des Skulpturbegriffs seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden traditionelle bildhauerische Kategorien kritisch hinterfragt und aktuelle Positionen zwischen Objekt, Installation, Materialexperiment und räumlicher Intervention analysiert. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Skulptur heute im Spannungsfeld von Materialität, Raum, Kontext und Rezeption positioniert und welche neuen Ausdrucksmöglichkeiten sich durch experimentelle Strategien im Umgang mit klassischen und unkonventionellen Werkstoffen eröffnen.
Den Einstieg bildet eine kompakte kunsthistorische Einführung, welche die Entwicklung der Skulptur von ihren frühgeschichtlichen Ursprüngen bis zur Moderne darlegt. Dieser Überblick dient als theoretische Grundlage für die anschliessende vertiefte Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Positionen, in denen sich das Verständnis von Skulptur grundlegend verändert hat. Anhand exemplarischer Werke internationaler Kunstschaffenden werden zentrale Entwicklungen der Gegenwart diskutiert, darunter die Erweiterung der Skulptur in den Raum, die Auflösung traditioneller Werkgrenzen sowie der experimentelle Umgang mit Material und Prozess.
Ein besonderer Fokus liegt auf der künstlerischen Transformation klassischer Materialien wie Stein, Holz, Metall oder Gips, deren Verwendung in der Gegenwart weit über ihre traditionelle bildhauerische Funktion hinausgeht. Ergänzend werden Strategien der Aneignung und Materialerweiterung untersucht, welche industrielle Werkstoffe, Alltagsobjekte, Ready-Mades, Fundstücke sowie ephemere Materialien in den künstlerischen Arbeitsprozess integrieren. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein das Material selbst, sondern dessen konzeptuelle Aufladung sowie seine Bedeutung innerhalb zeitgenössischer Fragestellungen zu Identität, Erinnerung, Körper, Gesellschaft und Raum.
Ein integraler Bestandteil des Seminars ist der Atelierbesuch beim Tessiner Bildhauer Ivo Soldini in Ligornetto. Soldini (*1951 in Lugano) gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauern der italienischen Schweiz. Nach seinem Studium an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand sowie an der Università degli Studi di Milano entwickelte er eine eigenständige skulpturale Praxis, deren figurative Formensprache existenzielle Fragestellungen mit einer intensiven Auseinandersetzung mit Material, Körperlichkeit und menschlicher Präsenz verbindet. Der Atelierbesuch eröffnet einen unmittelbaren Einblick in den künstlerischen Produktionsprozess und schafft die Möglichkeit, Arbeitsweisen, Entscheidungsprozesse und materialbezogene Fragestellungen im direkten Austausch mit dem Künstler zu reflektieren. Die Begegnung zwischen Theorie und Praxis ermöglicht eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Bedingungen zeitgenössischer künstlerischer Produktion.
Der abschliessende Seminarteil widmet sich der Beziehung zwischen Skulptur, Raum und Ausstellungspraxis. Ausgehend vom White Cube als paradigmatischem Ausstellungsraum werden unterschiedliche räumliche Strategien zeitgenössischer Kunst untersucht und den Bedingungen des öffentlichen Raums gegenübergestellt. Diskutiert werden ortsspezifische Arbeiten, installative Konzepte sowie skulpturale Interventionen, die Architektur, Landschaft oder urbane Räume als integrale Bestandteile des Werkes begreifen. Im Fokus stehen Fragen nach Kontext, Wahrnehmung, Partizipation und der veränderten Rolle des Publikums, dessen körperliche Präsenz zunehmend Teil der künstlerischen Erfahrung wird.
Das Seminar verbindet kunsthistorische Kontextualisierung, theoretische Reflexion und unmittelbare Einblicke in die künstlerische Praxis. Die Vermittlung erfolgt dialogisch und partizipativ. Ausgehend von Werkanalysen, theoretischen Impulsen und gemeinsamen Bildbetrachtungen werden Reflexionsräume eröffnet, in denen unterschiedliche Perspektiven diskutiert und kritisch verhandelt werden.
Ziel ist es, ein vertieftes Verständnis für aktuelle Entwicklungen der Skulptur und Plastik zu vermitteln, die Teilnehmenden mit zentralen Diskursen der Gegenwart vertraut zu machen und ihre Fähigkeit zu stärken, zeitgenössische künstlerische Positionen differenziert zu analysieren, kritisch zu reflektieren und in einen erweiterten kunstwissenschaftlichen Kontext einzuordnen.
Kurse
03.–05.
Sept. 2027






